Barrierefreiheit & Recht

Barrierefreiheit selbst testen mit zehn Prüfungen ohne Fachwissen

Tastatur, Zoom, Formulare, Screenreader: Mit zehn einfachen Prüfungen finden Sie die häufigsten Barrieren auf Ihrer Website selbst, ganz ohne Fachwissen.

6 Min. Lesezeitturbo2web · seit 2003

Ob eine Website barrierefrei ist, lässt sich nicht an einem Nachmittag abschließend klären. Wohl aber, ob sie grobe Barrieren hat. Viele der häufigsten Probleme finden Sie ohne Fachwissen, nur mit Tastatur, Browser und etwas Geduld. Das World Wide Web Consortium beschreibt solche ersten Prüfungen ausdrücklich als Einstieg für Nicht-Fachleute.

Die folgenden zehn Prüfungen dauern zusammen etwa eine Stunde. Nehmen Sie sich dafür die Startseite, eine typische Unterseite und Ihr wichtigstes Formular vor. Notieren Sie alles, was hakt, mit Seite und kurzer Beschreibung. Diese Liste ist eine gute Grundlage für das Gespräch mit Ihrem Dienstleister.

Ein Hinweis vorab: Dieser Artikel ist keine Rechtsberatung. Ob Ihre Website unter das Barrierefreiheitsstärkungsgesetz fällt, hängt von Ihrem Angebot ab und sollte im Einzelfall geprüft werden.

1. Die ganze Seite mit der Tastatur bedienen

Legen Sie die Maus beiseite. Drücken Sie wiederholt die Tabulatortaste, rückwärts geht es mit Umschalt und Tab. Mit Enter lösen Sie Links und Knöpfe aus, mit der Leertaste Kontrollkästchen.

Kommen Sie an jeden Menüpunkt, jeden Link und jedes Formularfeld? Lassen sich aufklappbare Menüs öffnen? Viele Menschen nutzen keine Maus, weil sie es motorisch nicht können oder weil sie mit einem Screenreader arbeiten. Was mit der Tastatur nicht erreichbar ist, existiert für sie nicht.

Achten Sie auch auf Fallen. Manchmal gerät der Fokus in ein eingebettetes Video oder eine Karte und kommt nicht mehr heraus.

2. Prüfen, ob der Fokus sichtbar ist

Während Sie mit der Tabulatortaste durch die Seite springen, sollte immer erkennbar sein, wo Sie gerade sind. Meist zeigt das ein Rahmen oder eine farbige Hervorhebung. Manche Designs schalten diese Markierung bewusst ab, weil sie als störend empfunden wird. Für Tastaturnutzer ist das, als würde man den Mauszeiger unsichtbar machen.

Prüfen Sie zudem die Reihenfolge. Springt der Fokus logisch von oben nach unten, oder hüpft er quer über die Seite?

3. Auf 200 Prozent vergrößern

Vergrößern Sie die Seite im Browser mit Strg und Plus (am Mac mit Cmd und Plus) auf 200 Prozent. Menschen mit eingeschränktem Sehvermögen tun das ständig.

Bleibt alles lesbar? Überlappen sich Texte? Verschwinden Knöpfe oder Menüpunkte? Eine gut gebaute Website ordnet die Inhalte bei starker Vergrößerung untereinander an, ähnlich wie auf dem Smartphone. Seitliches Scrollen sollte für normale Textabschnitte nicht nötig sein.

4. Formulare ohne Hilfe ausfüllen

Formulare sind die häufigste Stelle, an der Besucher endgültig scheitern. Prüfen Sie Ihr Kontaktformular gezielt:

  • Hat jedes Feld eine sichtbare Beschriftung, die auch beim Tippen stehen bleibt? Ein grauer Platzhaltertext im Feld verschwindet, sobald man schreibt.
  • Ist erkennbar, welche Felder Pflicht sind?
  • Was passiert, wenn Sie das Formular leer absenden? Eine gute Fehlermeldung nennt das Feld und sagt, was fehlt. Nur ein roter Rahmen genügt nicht, weil Farbe allein nicht von allen wahrgenommen wird.
  • Bleiben Ihre Eingaben nach einem Fehler erhalten?

Wenn das Formular mit einem Bilderrätsel gegen Spam geschützt ist, prüfen Sie, ob es eine Alternative gibt. Für blinde Menschen ist ein Bildrätsel ohne Ausweichmöglichkeit eine verschlossene Tür.

5. Fünf Minuten mit einem Screenreader

Ein Screenreader liest den Inhalt einer Seite vor. Das klingt nach einem Spezialwerkzeug, ist aber leicht zu bekommen. Unter Windows ist NVDA kostenlos. Auf Mac und iPhone ist VoiceOver bereits eingebaut.

Für einen Kurztest genügt wenig. Starten Sie den Screenreader, öffnen Sie Ihre Startseite und hören Sie zu. Wird der Seitentitel vorgelesen? Werden Knöpfe als Knöpfe angesagt und mit einem verständlichen Namen? Ein Symbol mit Lupe, das nur als „Schaltfläche“ angekündigt wird, verrät nicht, dass es die Suche öffnet.

Der erste Versuch fühlt sich ungewohnt an. Das ist normal. Es geht nicht darum, den Screenreader zu beherrschen, sondern einen Eindruck zu bekommen.

6. Überschriften und Linktexte prüfen

Screenreader-Nutzer springen oft von Überschrift zu Überschrift, um sich einen Überblick zu verschaffen. In NVDA geht das mit der Taste H. Ergibt die Folge der Überschriften ein sinnvolles Inhaltsverzeichnis? Oder sind dekorative Zeilen als Überschrift ausgezeichnet und echte Abschnittstitel nur fett gesetzt?

Ähnlich bei Links. Viele Hilfsmittel können alle Links einer Seite als Liste anzeigen. Zehnmal „Hier klicken“ oder „Mehr“ hilft dort niemandem. Ein guter Linktext sagt, wohin er führt.

7. Bilder und Kontraste kurz gegenprüfen

Diese beiden Themen sind so umfangreich, dass wir ihnen eigene Artikel gewidmet haben, zu Alt-Texten und zu Kontrasten und Schriftgrößen. Für den Selbsttest genügen zwei Fragen. Haben inhaltlich wichtige Bilder einen beschreibenden Alternativtext? Und lässt sich hellgrauer Text auf weißem Grund auch auf dem Smartphone im Freien noch lesen? Wenn Sie bei einer Frage zögern, lohnt sich ein genauerer Blick.

8. Videos und Bewegung ansehen

Haben Videos Untertitel? Das hilft nicht nur gehörlosen Menschen, sondern allen, die ein Video im Zug ohne Ton ansehen. Startet ein Video oder eine Animation von selbst, sollte es sich anhalten lassen. Bewegte Inhalte, die länger als ein paar Sekunden laufen und nicht stoppbar sind, lenken ab und können manchen Menschen körperlich zu schaffen machen.

9. PDF-Dateien öffnen

Preislisten, Broschüren und Anmeldeformulare liegen oft als PDF auf der Website. Öffnen Sie eines davon und versuchen Sie, den Text mit der Maus zu markieren. Geht das nicht, handelt es sich um ein eingescanntes Bild, und ein Screenreader liest gar nichts vor.

Selbst bei markierbarem Text kann die Lesereihenfolge durcheinandergeraten. Barrierefreie PDFs brauchen eine innere Struktur mit Überschriften und Lesereihenfolge, die beim Erstellen festgelegt wird. Oft ist es einfacher, wichtige Inhalte direkt als Webseite anzubieten.

10. Auf dem Smartphone quer und hochkant testen

Drehen Sie Ihr Smartphone. Funktioniert die Seite in beiden Ausrichtungen? Manche Menschen haben ihr Gerät fest montiert, etwa am Rollstuhl, und können es nicht drehen. Prüfen Sie auch, ob Knöpfe groß genug sind, um sie mit dem Finger sicher zu treffen, und ob Sie die Schrift über die Systemeinstellungen vergrößern können.

Was Sie mit den Ergebnissen anfangen

Sortieren Sie Ihre Notizen nach Auswirkung. Ganz oben stehen Dinge, die Besucher ganz ausschließen: ein Formular, das sich nicht absenden lässt, ein Menü, das per Tastatur nicht aufgeht. Danach folgen Punkte, die das Lesen erschweren. Zum Schluss die Feinheiten.

Viele der gefundenen Probleme lassen sich mit überschaubarem Aufwand beheben, wenn die Website technisch sauber gebaut ist. Bei älteren Systemen ist manchmal ein grundlegender Umbau der wirtschaftlichere Weg. Die zugrunde liegenden Kriterien stehen in den Web Content Accessibility Guidelines, aktuell in der Fassung 2.2. Auf ihnen baut auch die europäische Norm EN 301 549 auf.

Wenn Sie Unterstützung beim Prüfen oder Beheben von Barrieren möchten, finden Sie mehr unter Webdesign und Firmenwebsites. Ist eine Überarbeitung größerer Teile nötig, lesen Sie unter Website-Relaunch weiter.