Barrierefreiheit & Recht

Ein Jahr Barrierefreiheitsstärkungsgesetz und warum Barrierefreiheit ein Qualitätsmerkmal ist

Seit einem Jahr gilt das Barrierefreiheitsstärkungsgesetz. Warum sich Barrierefreiheit auch ohne gesetzliche Pflicht lohnt und wo Sie sinnvoll beginnen.

5 Min. Lesezeitturbo2web · seit 2003

Am 28. Juni 2025 trat das Barrierefreiheitsstärkungsgesetz in Kraft. Seit einem Jahr müssen bestimmte Produkte und Dienstleistungen, darunter viele Onlineshops, für Menschen mit Behinderungen zugänglich sein. Vor dem Stichtag war die Aufregung groß. Danach wurde es ruhiger, und manche Unternehmen haben das Thema stillschweigend wieder auf später verschoben.

Dieser Artikel fragt nicht noch einmal, wen das Gesetz betrifft. Er vertritt eine Meinung: Barrierefreiheit ist kein Pflichtprogramm, das man möglichst knapp erfüllt. Sie ist ein Merkmal guter Arbeit, ähnlich wie eine schnelle Ladezeit oder eine verständliche Navigation. Und sie lohnt sich auch für Websites, die gesetzlich gar nicht dazu verpflichtet sind.

Ein Hinweis vorab: Dieser Beitrag ist eine Einschätzung aus Sicht der Website-Gestaltung und keine Rechtsberatung.

Was sich seit dem Stichtag getan hat

Für die Durchsetzung des Gesetzes haben die Länder eine gemeinsame Stelle geschaffen, die Marktüberwachungsstelle der Länder für die Barrierefreiheit von Produkten und Dienstleistungen in Magdeburg. Verbraucher können dort Barrieren melden. Anfang Juni 2026 berichtete die Behörde auf ihrer Website, dass sie sich in Magdeburg noch formiert.

Zahlen zu Prüfungen oder Verfahren nennen wir hier bewusst nicht, weil uns dazu keine belastbare Übersicht vorliegt. Wer aus der Ruhe der letzten Monate schließt, das Thema sei erledigt, macht es sich aber zu leicht. Die Pflichten gelten, unabhängig davon, wie oft bisher kontrolliert wurde. Und Kunden, die an einer Barriere scheitern, kaufen in jedem Fall woanders.

Barrierefreiheit hilft mehr Menschen, als man denkt

Beim Wort Barrierefreiheit denken viele an blinde Menschen mit Screenreader. Die gehören dazu. Der Kreis ist aber viel größer:

  • Menschen mit nachlassender Sehkraft, die größere Schrift und stärkere Kontraste brauchen.
  • Wer eine Sehnenscheidenentzündung oder einen gebrochenen Arm hat und vorübergehend nur die Tastatur nutzen kann.
  • Alle, die in der prallen Sonne auf ihr Smartphone schauen.
  • Menschen, die Deutsch als Zweitsprache sprechen und auf klare Sätze angewiesen sind.
  • Ältere Kunden, die mit verschachtelten Menüs nicht zurechtkommen.

Viele dieser Einschränkungen sind vorübergehend oder hängen von der Situation ab. Jeder ist irgendwann betroffen. Eine Website, die für diese Menschen funktioniert, funktioniert für alle besser.

Was gute Barrierefreiheit mit Qualität zu tun hat

Wer sich ernsthaft mit Barrierefreiheit beschäftigt, stößt schnell auf Grundsätze, die jede gute Website erfüllen sollte. Die Web Content Accessibility Guidelines (WCAG) 2.2 fassen sie in vier Prinzipien zusammen: Inhalte sollen wahrnehmbar, bedienbar, verständlich und robust sein.

Übersetzt in den Alltag heißt das:

Anforderung Nutzen für alle Besucher
ausreichende Kontraste Texte bleiben auch im Sonnenlicht lesbar
beschriftete Formularfelder weniger Fehler beim Ausfüllen
klare Überschriften schnelles Überfliegen der Seite
Bedienung per Tastatur schnelleres Arbeiten für geübte Nutzer
verständliche Sprache weniger Rückfragen, mehr Anfragen
sauberer Quellcode bessere Lesbarkeit für Suchmaschinen und KI-Assistenten

Es gibt kaum eine Maßnahme für Barrierefreiheit, die einem anderen Ziel schadet. Die meisten machen die Seite zugleich leichter bedienbar und für Suchmaschinen besser verständlich.

Ein Beispiel aus dem Alltag

Stellen Sie sich einen kleinen Onlineshop für Ersatzteile vor. Der Bestellknopf ist hellgrau auf weißem Grund, die Pflichtfelder sind nur durch eine rote Umrandung gekennzeichnet, und eine Fehlermeldung erscheint als kurz eingeblendeter Hinweis am oberen Rand. Für einen Besucher mit Rot-Grün-Schwäche ist nicht erkennbar, welches Feld fehlt. Wer die Seite vergrößert, verpasst den Hinweis ganz.

Keiner dieser Punkte ist aufwendig zu beheben. Ein Knopf mit kräftigem Kontrast, ein Text „Pflichtfeld“ neben dem Feld und eine Fehlermeldung direkt am Eingabefeld genügen. Davon profitieren nicht nur Menschen mit Einschränkungen, sondern jeder Kunde, der abends schnell noch bestellen möchte.

Warum es oft trotzdem nicht passiert

Wenn Barrierefreiheit so viele Vorteile hat, warum sind dann so viele Websites voller Barrieren? Aus unserer Sicht gibt es dafür im Wesentlichen zwei Gründe.

Der erste ist Sichtbarkeit. Wer eine Website ohne Einschränkung bedient, bemerkt die Barrieren nicht. Ein fehlender Alternativtext fällt nur dem auf, der das Bild nicht sehen kann.

Der zweite ist der Zeitpunkt. Barrierefreiheit wird oft am Ende eines Projekts nachgerüstet, wenn Design und Technik längst feststehen. Dann wird es mühsam und teuer. Wer sie von Anfang an mitdenkt, zahlt dagegen kaum mehr, weil gute Gestaltung und sauberer Code ohnehin den Großteil der Arbeit ausmachen.

Ein realistischer Anfang

Niemand muss seine Website über Nacht umbauen. Ein schrittweises Vorgehen ist sinnvoller als ein großes Projekt, das nie fertig wird:

  1. Die wichtigsten Wege prüfen. Kann jemand nur mit der Tastatur eine Anfrage senden oder einen Kauf abschließen? Probieren Sie es selbst aus.
  2. Die häufigsten Fehler beheben. Zu schwache Kontraste, fehlende Alternativtexte und unbeschriftete Formularfelder sind schnell gefunden und meist schnell korrigiert.
  3. Neue Inhalte richtig anlegen. Jeder neue Text, jedes neue Bild und jede neue Seite entsteht ab sofort barrierearm.
  4. Beim nächsten Relaunch fest einplanen. Barrierefreiheit gehört ins Briefing, nicht in die Nachbesserung.

Unsere Haltung

Gesetze legen Mindeststandards fest. Gute Arbeit geht darüber hinaus. Wir sehen Barrierefreiheit deshalb nicht als Sonderwunsch, sondern als Teil handwerklich sauberer Webentwicklung, so selbstverständlich wie ein funktionierendes Kontaktformular.

Das gilt auch wirtschaftlich. Eine Website wird meist für viele Jahre gebaut. Wer heute ohne Rücksicht auf Barrieren neu gestaltet, muss in ein paar Jahren womöglich nachbessern, wenn sich Pflichten ändern oder Kunden sich beschweren. Wer es gleich richtig macht, hat diese Baustelle gar nicht erst.

Ein Jahr nach dem Stichtag ist ein guter Zeitpunkt, die eigene Website ehrlich zu betrachten. Nicht mit der Frage „Was müssen wir mindestens tun?“, sondern mit der Frage „Wer kann unsere Website heute nicht nutzen, und warum nicht?“

Wenn Sie Ihre Website auf Barrieren prüfen lassen oder Barrierefreiheit bei einer Neugestaltung von Anfang an berücksichtigen möchten, finden Sie mehr unter Webdesign und Firmenwebsites. Für Shops, die unter das Gesetz fallen, lohnt auch ein Blick auf unsere Seite zum Onlineshop.