Bei einem Relaunch denken die meisten zuerst an das neue Design. Dabei ist eine andere Frage mindestens so wichtig: Was kommt eigentlich mit auf die neue Website? Wer einfach alles übernimmt, schleppt veraltete Seiten, doppelte Inhalte und Texte mit, die niemand liest. Wer zu radikal aufräumt, löscht womöglich Seiten, die still und leise Anfragen bringen.
Ein Content-Audit schafft hier eine sachliche Grundlage. Er gehört zu den Bausteinen, die wir bei den Anzeichen für einen Relaunch genannt haben. Sie erfassen jede Seite, schauen sich die Zahlen an und treffen eine bewusste Entscheidung. Diese Anleitung zeigt, wie das in fünf Schritten gelingt.
1. Die Inventur
Zuerst brauchen Sie eine vollständige Liste aller Seiten. Das klingt einfacher, als es ist. Neben den Seiten im Menü gibt es oft vergessene Unterseiten, alte Aktionsseiten, Blogartikel aus früheren Jahren und PDF-Dateien.
Gute Quellen für die Liste sind:
- die XML-Sitemap Ihrer Website
- ein Export aus dem Redaktionssystem
- ein Crawler-Programm, das alle verlinkten Seiten aufruft
- die Seitenliste in der Search Console
Führen Sie die Ergebnisse in einer Tabelle zusammen. Jede Adresse bekommt eine Zeile. Bei Websites mit mehreren Sprachen erfassen Sie jede Sprachversion getrennt.
2. Die Daten sammeln
Jetzt ergänzen Sie für jede Seite die wichtigsten Zahlen. Betrachten Sie einen möglichst langen Zeitraum, mindestens zwölf Monate, damit saisonale Schwankungen nicht täuschen. Die Search Console zeigt im Leistungsbericht seit ihrer Neugestaltung im Jahr 2018 Daten der letzten 16 Monate.
Bewährt haben sich diese Spalten:
| Spalte | Quelle | Wozu |
|---|---|---|
| Klicks und Impressionen aus der Google-Suche | Search Console, Leistungsbericht | Wie sichtbar ist die Seite? |
| wichtigste Suchbegriffe | Search Console | Wofür wird sie gefunden? |
| Aufrufe insgesamt | Analytics oder Statistik des Hosters | Wird sie auch über andere Wege besucht? |
| Anfragen oder Käufe | Analytics, Conversion-Tracking | Bringt sie Geschäft? |
| Links von anderen Websites | Search Console, Bericht „Links“ | Hat sie Wert für die ganze Website? |
| letzte Aktualisierung | Redaktionssystem | Ist der Inhalt noch aktuell? |
Fehlt Ihnen das Conversion-Tracking, notieren Sie zumindest, ob ein Formular oder eine Telefonnummer auf der Seite steht und ob Ihnen Kunden von dieser Seite erzählt haben.
3. Den Inhalt bewerten
Zahlen allein reichen nicht. Eine Seite mit vielen Besuchern kann fachlich veraltet sein. Eine Seite mit wenigen Besuchern kann für Ihren Vertrieb sehr wichtig sein, weil Sie im Kundengespräch darauf verweisen.
Lesen Sie deshalb jede wichtige Seite und beantworten Sie ein paar Fragen:
- Stimmt der Inhalt noch, auch Preise, Ansprechpartner und Abläufe?
- Passt die Seite zu Ihrem heutigen Angebot und Ihrer Zielgruppe?
- Gibt es andere Seiten, die dasselbe Thema behandeln?
- Beantwortet die Seite die Frage, mit der jemand sie aufruft, vollständig?
Vergeben Sie für den Inhalt eine einfache Note, etwa gut, mittel oder schwach. Bei vielen Seiten verteilen Sie die Arbeit auf mehrere Personen, die sich in den jeweiligen Themen auskennen.
4. Für jede Seite entscheiden
Jetzt kommt der eigentliche Zweck der Übung. Jede Zeile bekommt eine von fünf Entscheidungen:
| Entscheidung | Wann | Was passiert beim Relaunch |
|---|---|---|
| behalten | gute Zahlen, guter Inhalt | Inhalt wird übernommen, Gestaltung angepasst |
| überarbeiten | Thema wichtig, Inhalt schwach oder veraltet | Text wird neu geschrieben oder ergänzt |
| zusammenführen | mehrere Seiten zum selben Thema | eine starke Seite ersetzt mehrere schwache |
| entfernen | kein Nutzen, keine Besucher, keine Links | Seite entfällt, Adresse wird sinnvoll weitergeleitet |
| neu anlegen | wichtiges Thema fehlt bisher | Seite wird für die neue Website geschrieben |
Die letzte Zeile wird gern vergessen. Ein Content-Audit zeigt auch, was fehlt. Sammeln Sie dafür die Fragen, die Kunden am Telefon immer wieder stellen. Steht die Antwort nirgends auf der Website, haben Sie ein Thema für eine neue Seite.
Ein Beispiel mit angenommenen Werten
Eine Firmenwebsite hat nach der Inventur 120 Adressen: 15 Leistungsseiten, 70 Blogartikel, 20 alte Aktionsseiten und 15 PDF-Dateien. Nach der Auswertung sieht das Ergebnis so aus:
- 12 Leistungsseiten bleiben, 3 werden zu einer Seite zusammengeführt.
- 25 Blogartikel bleiben, 15 werden überarbeitet, 10 werden zu fünf stärkeren Artikeln zusammengeführt, 20 entfallen.
- Alle 20 Aktionsseiten entfallen, zwei davon haben Links von anderen Websites und werden auf passende Leistungsseiten weitergeleitet.
- 6 PDF-Dateien werden aktualisiert, 9 entfallen.
- Aus den Kundenfragen entstehen 4 neue Seiten.
Aus 120 Adressen werden so etwa 70. Die neue Website ist übersichtlicher, und keine wertvolle Seite ist dabei verloren gegangen.
Wer am Audit beteiligt sein sollte
Ein Content-Audit ist keine reine Aufgabe für die Agentur oder die Marketingabteilung. Die Daten kann eine Person zusammentragen. Für die inhaltliche Bewertung brauchen Sie aber die Menschen, die Ihre Kunden kennen: den Vertrieb, den Kundendienst, bei Fachthemen auch die Technik. Sie wissen, welche Seiten im Gespräch weitergegeben werden und welche Fragen immer wieder auftauchen.
Legen Sie außerdem fest, wer am Ende entscheidet. Bei Uneinigkeit über einzelne Seiten hilft eine einfache Regel: Im Zweifel wird eine Seite überarbeitet statt gelöscht. Entfernen lässt sie sich später immer noch.
Typische Fehler
Nach Bauchgefühl löschen. Eine Seite, die Ihnen nicht gefällt, kann trotzdem die meisten Anfragen bringen. Erst die Daten, dann die Meinung.
Nur auf Besucherzahlen schauen. Wenige Besucher mit hoher Kaufabsicht sind mehr wert als viele zufällige.
Saisonale Seiten übersehen. Eine Seite zur Heizungswartung hat im Sommer kaum Besucher. Im Herbst sieht das anders aus. Ein Zeitraum von mindestens zwölf Monaten verhindert diesen Fehler.
Pflichtseiten anfassen. Impressum, Datenschutzerklärung und andere Rechtstexte werden nicht nach Besucherzahlen bewertet. Sie werden aktualisiert und bleiben.
Den Audit zu spät machen. Wer erst nach dem Design über Inhalte nachdenkt, baut Seitenvorlagen, die später nicht passen. Der Content-Audit gehört an den Anfang des Projekts.
Was danach kommt
Am Ende haben Sie eine Tabelle, die für jede alte Adresse festhält, was mit ihr geschieht. Diese Liste ist die Grundlage für zwei weitere Aufgaben. Die neuen Inhalte lassen sich planen und auf Personen verteilen. Und jede alte Adresse, die wegfällt oder sich ändert, braucht eine Weiterleitung auf das passende neue Ziel. Wie Sie diese Weiterleitungen sauber planen, ist ein eigenes Thema, das eine ebenso sorgfältige Vorbereitung verdient.
Wenn Sie einen Relaunch planen und Unterstützung bei der Bestandsaufnahme möchten, finden Sie mehr unter Website-Relaunch. Sollen dabei die Seiten mit den besten Chancen in der Google-Suche gezielt gestärkt werden, hilft Ihnen unser Angebot zu SEO und KI-Sichtbarkeit.